Höhlentrekking

Familienurlaub im österreichischen Zillertal. Beim Durchstöbern der Prospektständer mit mannigfaltigen Informationen zur Freizeitgestaltung am Urlaubsort bleibt mein Blick an einem Flyer hängen: Beworben wird die Spannagelhöhle am Hintertuxer Gletscher. Meine Aufmerksamkeit erregt dabei nicht die für Jedermann zugängliche Schauhöhle, sondern der Passus „Für Abenteurer gibt es die Möglichkeit eine 2,5 – 3-stündige Trekkingtour zu machen. Bei dieser gelangt man in tiefer liegende Teile die normal nur Höhlenforschern vorbehalten sind.“ Zwar bin ich eigentlich nur bedingt ein Höhlenfan, aber es fällt mir definitiv schwer, an jedweder Art von Abenteuer unbeteiligt vorbei zu gehen. Meine spontane Anmeldung ist also ein Muss.

Wenige Tage später betrete ich mit einem Freund und zwei weiteren „Abenteurern“ gespannt die Höhle. Der Eingang liegt auf 2.500 Metern Höhe, und die Temperatur liegt an diesem Augusttag nur knapp über dem Gefrierpunkt. Wir werden von Christoph, einem sehr sympathischen und enthusiastischen Höhlenforscher begrüßt. Von ihm werden wir auch mit zusätzlicher Kleidung und Ausrüstung versorgt: einheitliche, bedingt bequeme Ganzkörperanzüge, ergänzt um Helm, löchrige Handschuhe, Stirnlampe und Klettergurt.

Die ersten Meter führen durch die sogenannte Schauhöhle, also den Teil, der für die „normalen“ Führungen zugänglich ist. Allerdings ist auch hier die Höhle noch im ursprünglichen Zustand erhalten. Vorbei an ein paar kleinen Wasserstrudeln (Gletschermühlen genannt) und einigen Tierschädeln, die in der Höhle gefundenen worden sind, steigen wir durch erste Engstellen immer tiefer hinab. Schon bald geht es stellenweise nur noch über Leitern weiter und sogar ein paar kurze Kletterpassagen sind zu überwinden. Technisch ist die Tour noch sehr einfach, trotzdem gehen wir mit voller Konzentration, um Stürze zu vermeiden, denn am Weg gibt es einige mehrere Meter tiefe Spalten. Außerdem müssen wir permanent aufpassen, nicht mit dem Helm an die harte felsige Decke zu stoßen. Selbst ich, mit nur 1,70 Metern Körpergröße, muss regelmäßig eine unbequeme gebückte Haltung einnehmen.

Nach einer weiteren Viertelstunde stehen wir unvermittelt vor einem ungefähr 25 Meter tiefen Schacht. Wir bauen eine mitgebrachte Bauleuchte auf – Strom gibt es an dieser Stelle, da in die Höhle ein 1 Kilometer langes Stromkabel verlegt wurde – und seilen uns mit Schwung und Spaß nacheinander mit einer festinstallierten Seilrutsche ab. An ihrem Ende erwartet uns wieder ein sehr enger Höhlengang mit weiteren Kletterstellen. Diese gleichen einem Klettersteig, so dass wir entlang einer kurzen Strecke von dem bekannten ‚Klick Klack‘ beim Umhängen der Karabiner begleitet werden. Und wieder stehen wir vor einem Schacht. Durch eine sehr enge Öffnung werden wir von Christoph 18 Meter tief in die sogenannte ‚Hermann Gaun Halle’ abgeseilt. Dabei fühlen wir uns in der Tat schon ein wenig wie Abenteurer!

Wir verweilen ein paar Minuten und lassen uns Bändermarmor, Hornlinsen und ein paar winzige Tropfsteine zeigen. Zugegeben, hier bin ich Banause. Diese Schönheiten erschließen sich sicher eher einem Geologen als mir. Ich erkenne nur leicht gefärbtes Gestein, und für einen echten Wow-Effekt fehlen mir bei den Tropfsteinen noch ein paar Millionen Jahre Wachstum. Aber gut, ich bin ja nicht wegen der Aussicht hier.

Ein paar schmale, sehr lehmige und schmutzige Gänge weiter erreichen wir erneut eine größere Halle. Christoph reicht eine Thermoskanne Tee herum und wir löschen alle unsere Stirnlampen. Noch nie in meinem Leben habe ich eine solche – absolute – Dunkelheit erlebt, dazu eine tiefe Stille. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, hier einsam und verlassen, ohne Lichtreserven gestrandet zu sein – ein Nichts ohne Hoffnung auf Rettung. In dem Bewusstsein, weitere Menschen um mich herum zu haben und mit der Möglichkeit, jederzeit die Stirnlampe wieder einzuschalten ist es aber eine tolle Erfahrung. Als nach und nach die Lampen wieder erleuchten und die gefühlte Unendlichkeit vertreiben, finde ich es fast schade.

Wir müssen leider weiter und kommen an eine ganz besondere Engstelle, die als „Bauch und Busen Quetsche“ bezeichnet wird. Nacheinander robben wir auf dem Bauch in vorgegebener Haltung „linker Arm nach vorne, rechter Arm auf den Rücken“, in vorgegebenem Winkel durch den schmalen Spalt. Auch wenn Klaustrophobie für mich ein Fremdwort ist, wohlfühlen ist anders. Ich verspüre große Erleichterung, als ich die Stelle gemeistert habe und bin überzeugt, dass Höhlenforscher sicherlich niemals mein Traumberuf werden wird.

Trotzdem ist es schade, dass wir uns langsam wieder dem Ausgang nähern. Einmal wird es noch leicht abenteuerlich, als wir eine fast senkrecht stehende, über 20 Meter hohe Leiter hinaufsteigen müssen. Hier sind wir zuvor über die Seilrutsche abgestiegen. Doch schon bald danach erreichen wir wieder die Schauhöhle und nähern uns mit großen Schritten dem Ausgang.

Nach dreieinhalb Stunden und zwei Kilometern Strecke in bis zu 140 Metern Tiefe erblicken wir wieder das Tageslicht. Hier zeigt sich, dass es weise war, sich dem oben beschriebenen Einheitslook zu unterwerfen. Unsere Anzüge sind von oben bis unten komplett verdreckt. Außerdem waren wir so gut gegen die in der Höhle herrschende Kälte von nur etwa zwei Grad geschützt.

Gerne entledigen wir uns nun jedoch dieser „Höhlenverhüterlis“ und nehmen dankbar den angebotenen heißen Kaffee an. Anhand einiger Karten gehen wir noch einmal unsere Route durch und sind uns einig, dass es sich in der Tat um ein abenteuerliches Erlebnis gehandelt hat.

Ich persönlich werde demnächst allerdings wieder die gewohnten Pfade und Klettersteige am Berg mit weiter Aussicht bevorzugen – das Auge isst eben doch mit!