Manche mögen’s heiß – ein spannendes und gefährliches Sommer-Abenteuer am gefühlten Ende der Welt

Ende November – es war ein grauer Tag im herbstlichen Deutschland – erhielt ich ein unwiderstehliches Angebot: Das Telefon klingelte und es war Chris Weber, ein erfahrener Vulkanologe, mit dem ich in der Vergangenheit schon einige Reisen zu verschiedensten Vulkanschauplätzen unternommen hatte. Er informierte mich darüber, dass gerade am Vulkan Tolbachik in Kamtschatka, einer Halbinsel im Osten Russlands, eine große Eruption begonnen hatte. Er unterbreitete mir den Vorschlag gemeinsam mit ihm im kommenden Sommer – im Winter herrschen dort Temperaturen bis minus 40 Grad – eine Expedition dorthin zu unternehmen. Da damit für mich ein lang gehegter Traum in Erfüllung gehen würde stand nach Klärung einiger Eckdaten und unzähliger Kleinigkeiten fest: Wir würden tatsächlich nach Kamtschatka reisen und eine der faszinierendsten und aktivsten Vulkanlandschaften der Erde sehen.
Es sollte eine spannende und gefährliche Expedition zu heißen Vulkanen und kalten Überraschungen werden.

KAMTSCHATKA
Kamtschatka ist eine Halbinsel im ostasiatischen Teil Russlands. Sie ist etwas größer als Deutschland, mit ca. 380.000 Einwohnern aber deutlich dünner besiedelt. Etwa 65% der Bevölkerung leben in der Hauptstadt Petropavlovsk.
Im Jahre 1697 wurde Kamtschatka von Kosaken auf ihren Streifzügen in den Osten Russlands entdeckt. Die dort lebenden Ureinwohner, die Korjaken, Itelmenen, Ewenen, Tschuktschen und Aleuten wurden blutig unterworfen und fast ausgerottet. Heute machen sie keine 2% der Bevölkerung mehr aus. Der Name Kamtschatka leitet sich wahrscheinlich von Iwan Kamtschat ab, einem russischen Entdeckungsreisenden des 17. Jahrhunderts.
Neben dem russischen Militär, bis 1999 war Kamtschatka entsprechend Sperrgebiet und Reisenden gar nicht zugänglich, sind der Fischfang sowie Holzexporte die wesentlichen Einnahmequellen. Der Tourismus spielt wirtschaftlich aufgrund der kurzen Sommersaison und der extremen Landschaft nur eine untergeordnete Rolle.
Viele Deutsche kennen Kamtschatka eher durch das Spiel „Risiko“ und nicht wegen der mehr als 160 Vulkane, von denen viele noch aktiv sind.
Zwei der Vulkane, die in 2013 ausgebrochen sind, waren Hauptziele unserer drei Wochen dauernden Expedition: der Shiveluch wie auch der Tolbachik.

PETROPAVLOVSK
Zuerst erreichten wir via Moskau den sehr kleinen Flughafen von Petropavlovsk. Die 1740 gegründete Stadt steckt voll spannender Kontraste und Eindrücke: modernste Supermärkte, illegale Geldwechsler am Straßenrand, alte sowjetische und arg verfallene Plattenbauten, viele große Geländewagen (oft mit dem Lenkrad auf der rechten Seite, da die meisten Autos aus Japan importiert werden), abgebrannte Häuser in den Vororten, sommerlich gekleidete Russinnen, stämmige Russen, Panzerübung mitten im Stoßverkehr auf einer der Hauptstraßen, Bottiche voller Kaviar und Unmengen an Lachs aller Art in der neuen Markthalle, eine verrottende Fischereiflotte sowie modernste Kriegsschiffe im Hafen. In einem der genannten Supermärkte drängte uns unser russischer Begleiter Artyom zu dem Kauf einer Flasche Wodka für das anstehende Trekking. Wir willigten nur aus Höflichkeit ein, nicht ahnend, dass sich diese Entscheidung noch als sehr sinnvoll erweisen sollte.
Bemerkenswert und angenehm fanden wir die entspannte Stimmung in der ganzen Stadt. Die Gelassenheit der Menschen ist überall zu spüren und es kommt keine Hektik auf. Alles geht etwas gemütlicher zu und selbst auf den zweispurigen Ausfallstraßen wird für Fußgänger, die die Straße überqueren, gebremst.
Unser Hauptinteresse galt jedoch den nahen aktiven Vulkanen Avachinsky und Koryaksky, für deren Besteigung wir insgesamt drei Tage eingeplant hatten.




AVACHINSKY UND KORYAKSKY
Schon unser erster Trip stand exemplarisch für unsere gesamte Reise: schönstes Sommerwetter bei An- und Abreise, ansonsten viel Regen, Wolken, Wind und Kälte.
Für den Anreisetag waren eigentlich keine größeren Aktivitäten geplant. Aufgrund einer schlechten Wettervorhersage brachen wir jedoch direkt nach unserer Ankunft in der komfortablen und sogar bewirtschafteten Hüttenunterkunft – die Region ist ein beliebtes Wochenendziel wie auch Skigebiet – zum Gipfel des 2.741 Meter hohen Vulkans Avachinsky auf. Obwohl wir für die gut 1.800 Höhenmeter auf den Gipfel nur knapp vier Stunden brauchten, lag dieser bei unserer Ankunft bereits komplett in Wolken. Leider war uns nur ein sehr kurzer, verschleierter Blick auf den Lavadom und die angeblich tollen Farben vergönnt. [Typisch für diesen Vulkantyp ist ein sogenannter „Dom“: Zähflüssige Lava fließt vor einem Ausbruch langsam aus dem Vulkanschlot und kühlt dabei schnell ab. Es bildet sich ein propfenförmiger Lavadom welcher den Schlot verschließt.] Erst zu Hause konnten wir diese dank Bildbearbeitung doch noch ein wenig genießen.
Spaß pur war dann der Abstieg auf Vulkanasche und steilen Schneefeldern, der nicht einmal 1 ½ Stunden dauerte. Trotzdem erwies sich der spontane Aufstieg als gute Entscheidung, da sich das Wetter erst einmal weiter verschlechterte. Am folgenden Hüttentag war somit Zeit für das kulinarische Highlight des Trips: Tomatensuppe. Ein irrtümlich als Marmelade erstandenes Glas Ketchup führte zu folgender Kreation für alle Gourmets der Outdoorküche: Ketchup mit Wasser und Thunfisch-Öl mischen und mit scharfer Paste (Beigabe zu Fertignudeln) verfeinern. Fertig ist die erstaunlich gut schmeckende Tomatensuppe.
Am nächsten Tag war es dann wieder möglich, den Avachinsky und große Teile des 3.456 Meter hohen Vulkanes Koryaksky zu besteigen – leider bei weiterhin schlechter Sicht.
Erst am Abreisetag, als keine Zeit mehr für einen weiteren Aufstieg blieb, gab es strahlenden Sonnenschein. Die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt nutzten wir daher für ein paar Berg- und Zieselfotos. [Ziesel: Vor Ort lebende Erdhörnchen]




SHIVELUCH
Von Petropavlovsk aus führt nur eine einzige Straße entlang des Kamtschatka Flusses in den Norden von Kamtschatka. Das Vorankommen ist mühsam. Nur streckenweise ist die Straße asphaltiert.
Über die Dörfer Milkova und Kosyrevsk kamen wir nach ca. zehn Stunden und 700 Kilometern in das kleine Örtchen Kliuchi (ca. 5.000 Einwohner) am Fuße des höchsten Kamtschatka Vulkans Kliuchevskoy. Hier überquert eine kostenlose, da vom Staat finanzierte Fähre, den Kamtschatka Fluss. Obwohl das Vehikel stark nach Marke Eigenbau aussieht, erlitten wir glücklicherweise keinen Schiffbruch. Wir folgten weiter der mittlerweile sehr staubigen und unebenen Straße. Es wurde noch abenteuerlicher, als wir in Richtung Shiveluch auf einen schmalen Waldweg durch dichten Birkenwald einbogen. Nach einer weiteren Stunde harten Schaukelns in unserem geländegängigen Gaz 66 Truck erreichten wir ein Gebiet, das ein pyroklastischer Strom bei einem Ausbruch im Jahr 2005 großflächig zerstört hatte. [Pyroklastischer Strom: Gesteinsbrocken und Magma werden bei einem Abrutsch zu feiner vulkanischer Asche zerrissen und dabei mit heißen Gasen vermischt. Dieser bis zu 800 Grad heiße Strom wird bis zu 700 km/h schnell und pulverisiert alles, was seine Bahn kreuzt.] Unser Fahrer Vasili, ein sehr fähiger Mann, quälte unser Sitzfleisch noch weiter, als er unser Gefährt einige Kilometer über ein tief ausgewaschenes, trockenes Flussbett in Richtung Lavadom klettern lies. [Wenn der Lavadom kollabiert bilden sich die o.g. pyroklastischen Ströme.] Er selbst schien großen Spaß an der Fahrt zu haben. Knapp zehn Kilometer Luftlinie vom Lavadom entfernt mussten wir ihn aus Sicherheitsgründen fast zum Anhalten zwingen. Dort, inmitten der zerstörten Landschaft, stellten wir auf einer kleinen windgeschützten Anhöhe unsere Zelte auf der feinen staubigen Vulkanasche auf. Die Anhöhe diente auch der Beruhigung unserer aller Nerven, da wir uns so gefühlt etwas außerhalb der ‚Schusslinie’ großer pyroklastischer Ströme befanden.

Aber auch hier waren, nach einem sommerlich sonnigen Anreisetag, am Abend Lavadom und Gipfel des Shiveluch (ein 3.283 m hoher Vulkan mit mehreren Domkomplexen) komplett in Wolken gehüllt. Immerhin konnten wir einige faszinierende Wolkenformen sowie einen kurzen freien Blick auf die Vulkane Kliuchevskoy und Zimina bestaunen.

Der folgende Tag brachte uns zeitweise kühlen Regen. Wir nutzten die Zeit für mehrere Exkursionen, bei denen wir viele, teils auch frische Bärenspuren entdeckten. Laut Artyom, der sich nie ohne seine Bärenwaffe mehr als zwei Meter von seinem Zelt entfernte, soll es in Kamtschatka über 15.000 Braunbären geben. Diese können bis zu 700 kg wiegen und drei Meter groß werden. Als Allesfresser greifen sie jedoch für gewöhnlich keinen Menschen an. Zum Schutz vor gefährlichen spontanen Begegnungen hatte Chris ein permanent laut klingelndes Glöckchen an seinem Rucksack befestigt.

Nach dem Abendessen, bereichert durch die köstliche Beerenmarmelade von Vasilis Frau, klingelte der Wecker im Stundenrythmus – in der Hoffnung auf endlich nachlassende Bewölkung. Um Mitternacht war es endlich soweit: Keine Wolke mehr am Himmel und freier Blick auf den Dom. Kameras und Stative im Gepäck, suchten wir uns schnell eine gute, windgeschützte Position. Und noch während Aufbau und Einrichtung der Ausrüstung leuchtete der Dom auf einmal immer heller und heller – und rutschte teilweise ab. Direkt vor unseren Augen ereignete sich eine heftige Eruption! Natürlich haben wir fast die kompletten drei Stunden Dunkelheit genutzt und ein paar kleinere Nachrutsche sowie den rotglühenden Dom fotografiert.

Auch anschließend haben wir uns nur wenig Schlaf gegönnt. Nach einem frühen Kaffee brachen wir bei hellem Sonnenschein zur intensiven Vulkanbeobachtung auf. Und wieder war uns das Vulkanglück hold. Nur wenige Minuten vor unserem Aufbruch ging einer der seltenen pyroklastischen Ströme ab und donnert Richtung Ebene auf uns zu. Ein bedrohlicher kilometerhoher Turm aus heißem Gas und Gesteinsstaub baut sich vor uns auf. Was für ein gewaltiges Schauspiel! Glücklicherweise packte der Wind diese bedrohliche Schleppe und zog sie weg von uns, hin zu einem kleinen Fischereihafen an der Ostküste, um dort den Himmel zu verdunkeln. Ja, wir waren nah dran, aber zum Glück nicht mittendrin.

Das Shiveluch Gebiet ist für mich eines der beeindruckendsten Gelände auf unserem Planeten.
Mit der permanenten Gefahr der völligen Zerstörung im Nacken, die leere und verwüstete Landschaft vor Augen mit der guten Chance, jederzeit einem gewaltigen Bären zu begegnen – selten habe ich die Naturgewalten so deutlich gespürt!




Die Rückfahrt nach Kosyrevsk, einem sehr beschaulichen Örtchen mit hohem Wohlfühlfaktor (ca. 1.500 Einwohner) dauerte nur wenige Stunden. Den ganzen Nachmittag über feierten wir die Erlebnisse mit einer „luxuriösen“ Vulkanparty mit Bier, Chips und Käse.

TREK TOLBACHIK
Kosyrevsk bildete aber auch den Start- und Endpunkt unseres Treks zum Tolbachik.
Die Fahrt mit unserem Gaz 66 Truck zum Startpunkt unseres Treks, der Kapito Hütte, dauerte über fünf Stunden. Der Grund dafür war, dass in dieser Saison noch niemand vor uns den schmalen Waldpfad befahren hatte. Fahrer und Beifahrer mussten daher immer wieder umgefallene Bäume beseitigen. Um nicht permanent ein- und aussteigen zu müssen, stand der Beifahrer zeitweise vorne auf der Stoßstange. Von Moskitos umschwirrt hielt er sich mit der einen Hand am Truck fest, mit der anderen Hand die Motorsäge, während ihm die Äste nur so ins Gesicht peitschten. Unterhaltsam war die Fahrt aber auch wegen der Suche nach wilden Tieren. In der Tat erspähten wir einen Bären im Wald, leider nur für sehr kurze Zeit und ziemlich weit entfernt. Es sollte auf der gesamten Expedition unser Quotenbär bleiben.

Tag 1:
Jetzt konnte es losgehen: nach einem kurzen Snack in der Kapito Hütte, den 30 kg Rucksack – zur Schonung unseres Budgets verzichteten wir bei diesem Trip auf Träger und Koch – auf den Rücken gewuchtet, weg von der Zivilisation und hinein in das Abenteuer und die Freiheit der Natur.
Die Landschaft erinnert sehr stark an die schottischen Highlands, wobei das trübe Wetter den Eindruck verstärkt haben mag. Der eigentliche Kern der Landschaft, die vielen umliegenden Vulkane, liegt vom ersten Schritt an hinter Wolken und Nebel verborgen. Das Laufen mit erheblichem Gewicht auf dem Rücken ging erstaunlich gut. Viel Kraft kostete jedoch die ‚Angewohnheit‘ unseres Guides Artyom, den Luftlinienweg zu bevorzugen. Ohne Rücksicht auf Hindernisse ging es immer geradeaus, stur nach Anzeige auf dem GPS. Für Artyom kein Problem: Mit seiner Statur und Erfahrung bei minus 40 Grad auf dem Tolbachik trägt er seinen 40 Kilo schweren, unorthodox gepackten Rucksack mit stoischer Ruhe. Für Chris und mich ergab sich durch die Luftlinie ab und an eine leichte Trübung des ansonsten grandiosen Vergnügens.
Trotzdem verlängerten wir unsere erste Tagesetappe etwas und schlugen erst nach 14 Kilometern, direkt neben einem trockenen Flussbett und einer faszinierenden Schneehöhle unsere Zelte auf.

Tag 2:
Es hatte fast die komplette Nacht genieselt, so dass wir gleich zu Beginn unseres Treks die Zelte nass einpacken mussten. Trotzdem starteten wir gut gelaunt in unsere zweite Etappe. Nicht einmal die weiterhin verhangene Sicht auf die umliegenden Vulkane (Bezymianny, Kamen, Tolbachik, Ushkovsky….), konnte uns die Stimmung verderben. Das Gelände war, bis auf ein paar Bärenspuren, erst einmal wie am Vortag. Erst als wir zum Bezymianny Pass kamen tat sich etwas: Schnee! Dem haben wir jedoch erst einmal keine Beachtung geschenkt. Nach ungefähr 14 km erreichten wir unser heutiges Ziel, eine Vulkanologenhütte auf ca. 1.300 Metern Höhe, am Fuße des aktiven Bezymianny Vulkans. Auch hier waren wir die Erstbezieher der Sommersaison, so dass die Hütte erst einmal von den übelriechenden Hinterlassenschaften der darin hausenden Ziesel gereinigt werden musste. Trotz spartanischer Ausstattung war die Hütte mit ihren zwei Räumen recht großzügig und gemütlich, was sich noch als sehr vorteilhaft herausstellen sollte. Den Nachmittag verbrachten wir damit, Ziesel zu fotografieren, Wasser zu holen und Nudel- und Wodkarationen zu verzehren – immer in der Hoffnung auf besseres Wetter für die anstehende Besteigung des Bezy.

Tag 3:
In dieser Nacht wachte ich ein paar Mal auf und habe leicht gefroren, mir bis zum morgendlichen Blick aus dem Fenster aber nichts dabei gedacht. Dieser Blick brachte dann jedoch die Lösung: Die komplette Landschaft eingeschneit! Da wunderte sich auch Chris nicht mehr, der die ganze Nacht in seinem Sommerschlafsack geschlottert hatte. Sommerliche minus ein Grad draußen und gerade einmal plus ein Grad in der Hütte, dazu starker Wind und dichter Nebel. Anstatt Bergsport zum Bezy hieß es also alle Klamotten – noch nie zuvor hatte ich jemals drei Socken übereinander an – überwerfen und Zeit totschlagen. Mit Schlafen, Kaffee, Wodka, Süßkram (Artyom hatte erstaunliche Vorräte in seinem Rucksack) und in der Hütte vorgefundener Polenta mit Tunfisch war einigermaßen für das leibliche Wohl gesorgt. Aus Gewichtsgründen bestand unser Speiseplan ansonsten meistenteils aus einer kleinen Packung Fertignudeln pro Tag, etwas Brot, ein paar Dosen Tunfisch, einigen Keksen und vielen Energieriegeln. Und hier in der Kälte wussten wir dann auch endlich den wärmenden Wodka zu würdigen. Außerdem bot sich die Gelegenheit, den Tag mit Plaudereien, Lernen des russischen Alphabets, Schach und Backgammon zu gestalten. Wirklich unangenehm war nur der Gang zur Toilette und zum Wasser holen – soviel zu dem Thema Sommer in Kamtschatka.

Tag 4:
Der Tag brachte keinerlei Wetterbesserung. Trotz der Wetterlage stimmten wir gemeinsam für den Aufbruch wie auch für die Zusammenlegung der nächsten zwei Etappen mit der Tolud Hütte als Ziel, um bei diesem Wetter nicht zelten zu müssen. Zudem wollten wir durch den dann eingesparten Tag mehr Zeit am Tolbachik zur Verfügung haben. Wir packten also unsere Sachen und kämpften uns erst einmal durch teilweise hüfttiefen schweren Schnee zurück über den Bezy Pass. Hinter dem Pass empfingen uns hohe Windgeschwindigkeiten. Die enormen Windböen schafften es gleich zwei Mal mich trotz des mächtigen Rucksacks auf meinem Rücken aus der Spur um zwei Schritte zur Seite zu versetzen. Der Schnee peitschte wie Nadeln in unsere vermummten Gesichter. Der Atem ließ meine Brillengläser beschlagen, so dass es mir trotz nur weniger Meter Abstand schwer fiel, der Spur des vor mir laufenden Chris zu folgen. Dennoch näherten wir uns Schritt für Schritt dem Tolud Pass, ab dem es dann endlich um ein paar Grad wärmer und schneefrei wurde. Die zweite Weghälfte war geprägt vom Durchschreiten unzähliger kleiner ausgetrockneter Bachtäler: drei Schritte runter, ein paar Schritte achtsam über lose Steine, wieder drei Schritte hoch – und das mehr als 50 Mal, so dass meine Gedanken irgendwann nur noch aus der Hoffnung auf die nächsten eben verlaufenden Meter bestanden. Nach ca. neun Stunden erreichten wir bei Nieselregen endlich die Tolud Hütte. Nicht ganz so gemütlich wie die Bezy Hütte, aber immerhin hatten wir auch diese Unterkunft für uns alleine. Doch dann der nächste Schreck: weit und breit kein Wasser! In den zwei Wochen vor unserer Ankunft bestimmte ein sommerliches Hoch das Wetter in Kamtschatka und ließ das naheliegende Flussbett komplett austrocknen. Zum Glück fanden wir einen Schneehaufen, zwar mit Vulkanasche verunreinigt, aber besser als nichts. Er bewahrte uns davor, noch am selben Abend wieder einige Kilometer zurück bis zur letzten uns bekannten Wasserquelle marschieren zu müssen. Wir füllten eine Plastiktüte voll Schnee und bangten, dass uns das Schmelzen nicht zu viel Gas kosten würde.
Und einmal mehr wurde uns bewusst, in welchem Luxus wir mit unseren funktionierenden Wasserhähnen leben!

Tag 5:
Wie gewonnen so zerronnen: den gestern eingesparten Tag haben wir heute bei dichtem Nebel in der Hütte verbracht – immerhin, dieses Mal bei luxuriösen 8 Grad. Für unsere Füße, wund gelaufen und mit dicken Blasen von den nassen Socken, war dieser Tag eine echte Wohltat.




Tag 6:
Endlich. Trotz weiterhin schlechter Wettervorhersage aufgrund eines über ganz Kamtschatka wütenden Sturmes geht es zum Tolbachik, dem Hauptziel unserer Expedition. Dieser besteht aus zwei Vulkangipfeln: dem flachen, niedrigeren Plosky Tolbachik im Osten, mit einer Höhe von 3.085 Metern, dessen Besteigung wir geplant haben, und dem steilen und höheren Ostry Tolbachik mit einer Höhe von 3.682 Metern im Westen.
An diesem Tag mussten wir tatsächlich einige Zeit mit vollem Moskitoschutz unterwegs sein. Das bisherige Ausbleiben dieser Plage war auch wirklich der einzige Vorteil des kalten, windigen Wetters. Unser Weg führte uns erst hinauf auf einen weiteren Pass, dann, der neuen Lava folgend, auf Basis ungefährer GPS Koordinaten in Richtung des aktiven Kraters. Sicht hatten wir wegen des dichten Nebels wie gewohnt auch heute keine, aber nach anstrengenden, steilen Kilometern auf Asche und knirschender Lava (der Krater liegt mehrere 100 Meter höher als wir dachten) konnten wir endlich die Eruptionen hören: das zischend entweichende Gas sowie die Einschläge der vulkanischen Bomben [bei einem Ausbruch herausgeschleuderte Gesteinsfragmente, welche bei Ausbruch flüssig oder fest gewesen sein können]. Als die krachenden Einschläge mehr als deutlich zu hören waren, suchten wir uns aus Sicherheitsgründen erst einmal einen geschützten Zeltplatz und stellten unsere Zelte auf dem warmen Boden auf. Mangels festem Untergrund befestigten wir die Leinen an Steinen. Und dann hieß es erst einmal wieder Ausharren und Warten auf besseres Wetter – aber das waren wir nun ja schon gewohnt…
Bei sommerlichen 25 Grad im Zelt dank natürlicher Fußbodenheizung auf der mit Aschen zugedeckten Lavaströmen der letzten Tage und Eruptions-Symphonie-Orchester in Endlosschleife, war das Warten auch bei einer Außentemperatur von unter zehn Grad gut auszuhalten. Und zum Glück war dieses Mal auch die Wasserversorgung kein Problem, dank einiger hilfsbereiter Vulkanologen, die Ihren Zeltplatz in der Nähe gerade verließen und uns mit ihren kompletten Wasserresten versorgten!
Gegen 17.00 Uhr lichtete sich der Nebel. Wir erkannten nun, dass wir von unserem Zeltplatz aus freien Blick auf den aktiven Krater und die unfassbar imposante neue Landschaft hatten – und wir erhielten endlich den verdienten Lohn für unsere Mühen: Der Tolbachik, nach Monaten immer noch anhaltend tätig und rot glühend vor unseren Augen! Chris und ich brachen sofort auf und hatten, von einer nur wenige Meter neben dem aktiven Krater liegenden Erhöhung aus, einen hervorragenden Blick auf die fliegenden Schlacken! Auch die ca. 50 cm große vulkanische Bombe, die keine fünf Meter neben uns gelandet ist, hat uns sehr beeindruckt – und ergab ein tolles Fotomotiv!

Da es aber noch sehr viel mehr zu entdecken galt, ging es bald weiter zu einem in der Nähe liegenden Skyhole [Entgasungsloch/Öffnung eines unterirdischen Lavaflusses]. Dieses hatte ca. zwei Meter im Durchmesser und glühte sehr schön dank des bedeckten Himmels. Um nicht lebendig gegrillt zu werden, mussten wir beim Fotografieren dem stets drehenden Wind ausweichen, der den ausströmenden, ca. 600 Grad heißen Dampf mit sich brachte.
Auf der Suche nach einem guten Platz für unsere Fotos während der blauen Stunde standen wir plötzlich oberhalb des Kraters. Dank moderater Aktivität wagten wir uns sogar an den Rand. Zwar hatten wir noch keinen direkten Blick in den Lavasee, der Anblick der permanenten Eruptionen und fliegenden Schlacken bleibt uns aber auch so schon unvergesslich. Nichts desto trotz wollten wir auch direkt in den heißen brodelnden See blicken. Unzählige Fotos später haben wir uns daher noch eine andere Position mit dem gewünschten Blick gesucht: ein Anblick mit einer magischen Anziehungskraft.
Nach einer kurzen Pause für das gewohnte Fertignudel-Abendessen schnappten wir uns wieder unsere Kameras und positionierten uns für die blaue Stunde: Im Vordergrund das glühende Skyhole, im Hintergrund die zwei aktiven Krater mit ihren orange illuminierten Dampfwolken und einigen Strombolianern vor einem immer dunkler werdenden, blauen Himmel. Ein unvergleichliches, spektakuläres Farbenspiel – großes Kino. [Strombolianer: Lavafragmente werden bei regelmäßigen Eruptionen i.d.R. ungefähr 100m hoch ausgeschleudert, benannt nach dem Vulkan Stromboli auf Sizilien.]

Tag 7:
Nach nur kurzer Nachtruhe ging es schon gegen halb drei morgens wieder gen Krater. Dieses Mal auf den gegenüberliegenden Hügel, um von dort aus Strombolianer zu fotografieren.
Nach einer weiteren Mütze Schlaf verbrachten wir, wieder bei starkem Nebel, einen gemütlichen Tag im beheizten Zelt, bevor sich am späten Nachmittag wieder die Sonne und sogar blauer Himmel zeigten. Wir verschwendeten keine Zeit und gingen noch einmal die gestrige Runde via Skyhole um den Krater herum, heute allerdings bei zunehmendem Wind, der plötzlich um 180 Grad drehte und noch stärker wurde. Wir überlegten gerade noch, ob wir ausharren oder absteigen sollten, als wir beim Blick auf unseren Zeltplatz nur noch zwei aufgebaute Zelte sahen. Chris schluckte kurz, denn von seinem Zelt war nichts mehr zu sehen. Also schnellstens dorthin zurück, wo Artyom schon damit beschäftigt war, die beiden noch stehenden Zelte zu sichern und Chris’ Zelt am Wegfliegen zu hindern. Die Zeltstangen waren bereits gebrochen – so viel zum Thema geschützter Zeltplatz. Das Zelt musste zunächst einmal ausgeräumt und die Stangen mit Klebeband notdürftig geflickt werden. Anschließend bauten wir es vorsichtig wieder auf. Es hielt. Zur Sicherheit beschwerten wir die drei Zelte dann aber noch mit vielen großen Lavabrocken. Eine weise Entscheidung, wie sich in der übernächsten Nacht herausstellen sollte.
Nach dieser Rettungsaktion ließ der Wind zum Glück erst einmal nach, so dass wir wieder zum Krater aufsteigen konnten. Bei sehr geringer Aktivität wagten wir uns mit Helm und großem Respekt bis an den Kraterrand heran, wo wir dieses Mal beide tosenden Lavalinsen im Blick hatten. Zwischen Faszination und extremer Anspannung waren wir einerseits begeistert von dem köchelnden über tausend Grad heißen Spektakel, uns andererseits aber auch der lauernden Gefahr einer einzelnen, stärkeren explosionsartigen Eruption bewusst. Wir hielten uns nicht zu lange dort auf, sondern stiegen überglücklich und erleichtert mit guter Ausbeute an Fotos und Filmen wieder zum Zeltplatz ab.
Dort genossen wir zur blauen Stunde wieder das gelb-orange-rote Farbspektakel, heute allerdings ohne Strombolianer über den Kraterrand hinaus.

Tag 8:
Das Wetter am Morgen war, wie nun auch am Tolbachik schon gewohnt, neblig und heute nieselte es sogar. Also machten wir es uns wieder in unseren Zelten gemütlich. Insbesondere Chris war ganz dankbar für den langsamen Start in den Tag, da er in der Nacht einige Zeit damit verbracht hatte zu verhindern, dass ihm sein Zelt erneut um die Ohren flog.
Im Laufe des Nachmittags wurde es draußen etwas trockener und die Zeit im Zelt länger. Ich motivierte also unsere kleine Gruppe, und wir zogen in Richtung eines weiteren Skyholes los, das wir vom Kraterrand aus in einiger Entfernung hatten glühen sehen. Nach nicht einmal 20 Minuten erreichten wir es. Die Öffnung war hier etwas größer und Chris, der mutig und hitzeresistent genug ist, konnte ein paar Aufnahmen von der fließenden Lava im Inneren machen.
Anschließend stiegen wir weiter über die erstaunlich gut begehbare neue Lavafelder ab in der Hoffnung weitere flüssige Lavaströme zu sehen. Und tatsächlich: nach ein, zwei Kilometern deutete Chris die flimmernde aufsteigende Hitze knapp über dem Boden richtig und wir fanden eine Stelle, von der aus man seitlich in den unterirdischen Lavatunnel blicken konnte. Wieder ein absoluter Volltreffer – und wieder eine wirklich heiße Angelegenheit!
Nach dem Abendessen zogen wir uns bald in unsere Zelte zurück. Die blaue Stunde entfiel aufgrund des Wetters komplett und es wurde immer nasser und stürmischer.

Tag 9:
In dieser Nacht hatten wir alle Angst davor, dass unsere Zelte wegfliegen würden. Chris verbrachte einmal mehr viel Zeit mit dem Festhalten seines Zeltes und auch ich habe wenig und sehr unruhig geschlafen, da der Wind heftig und lautstark am Zelt zerrte. Aber auch diese Nacht ging irgendwie vorbei. Und da wir ohnehin alle wach waren, bauten wir schon sehr zeitig ab und packten unsere Sachen zusammen. Wie gewohnt am Abreisetag, zeigte sich dann immer mehr die Sonne und – wir hatten es gar nicht mehr zu wagen gehofft – die zahlreichen schneebedeckten Vulkane, die uns umgaben, waren erstmals zu sehen und wir freuten uns über dieses grandiose Panorama zu unserem Abschied vom Tolbachik.
Nach einer letzten Müllentsorgung am Skyhole – inkl. der noch minimal gefüllten Gaskartusche – WUMM – stiegen wir ca. 2 km bis zu dem mit unserem Fahrer vereinbarten Treffpunkt ab, wo uns dieses Mal ein großer Ural Truck erwartete. Durch den Wald ging es in fünf Stunden zurück nach Kosyrevsk. Auf dieser Rückfahrt holten wir bei bestem Wetter und hervorragender Sicht die bisher zu kurz gekommenen Landschaftsaufnahmen nach.
Nach zehn Tagen on Tour, wieder in Kosyrevsk angekommen, war vor allem die russische Sauna in unserer Unterkunft, die sonst eher einer sehr liebevoll eingerichteten Hundehütte glich, ein unbeschreiblicher Genuss.




Im Rückblick
Trotz all der Strapazen und Entbehrungen und unseres persönlichen Kamtschatka Sommers bin ich froh, dass ich meinen Traum realisiert und diese Expedition unternommen habe. Gerade die körperlichen und auch geistigen Anstrengungen und Anspannungen in Verbindung mit den erlebten wunderbaren Naturschauspielen haben dazu geführt, dass die extreme Landschaft meiner Vorstellungen für mich lebendig geworden ist. Auch die Abgeschiedenheit und die Unberührtheit der Landschaft haben Ihren Teil daran, dass Kamtschatka ein unvergessliches Erlebnis ist, das ich nicht missen möchte.
Aber: Nach dem Vulkan ist vor dem Vulkan – ich freue mich schon auf das nächste unwiderstehliche Angebot, gerne auch wieder in Kamtschatka!






Eine Zusammenfassung des Expeditionsberichtes gibt es hier.

Eine weitere, sehr unterhaltsamere Version des Berichtes, befindet hier sich auf der Seite von Christoph Weber.


Über uns:

Christoph Weber ist Vulkanologe und arbeitet seit 15 Jahren als Reiseveranstalter und Autor. Seine Erfahrung an/auf rund 300 aktiven Vulkanen weltweit kommen Medien- und Wissenschafts-Expeditionen genauso zu Gute, wie seinen vulkaninteressierten Reisebegleitern/innen. Durch die Reiselogistik seiner Firma Vulkan Expedition International, sind einige TV-Sendungen entstanden.

Adrian Rohnfelder arbeitet freiberuflich als Projektmanager. Mit seiner fünfköpfigen Familie, als auch mit Reisefreunden, ist der ambitionierte Naturfotograf so oft wie möglich in den Bergen unterwegs. Seit 2008 hat sich eine große Leidenschaft für aktive Vulkane entwickelt, was sich in seinen Reiseberichten und Fotoreportagen wiederspiegelt.