Im Juni/ Juli 2013 unternahm ich gemeinsam mit dem erfahrenen Vulkanologen Chris Weber eine dreiwöchige Expedition nach Kamtschatka, einer Halbinsel im Osten Russlands. Auch in dieser Region gelten diese Monate als Sommermonate. Geprägt war unsere spannende aber auch gefährliche Reise jedoch von extremen Wetterlagen – wie auch von extremem Vulkanglück.

Auf unserem Expeditionsplan standen einige der vielen aktiven Vulkane Kamtschatkas: Avachinsky, Koryaksky, Bezymianny sowie in erster Linie die in 2012/13 ausgebrochenen Vulkane Shiveluch und Tolbachik.

Am An- und Abreisetag hatten wir aber auch Gelegenheit, die Hauptstadt Petropavlovsk mit ihrem Spannungsfeld zwischen Moderne und altem Sowjet-Charme zu erkunden und ein wenig Kultur, Land und Leute kennenzulernen.

Unsere erste Tour führte uns zu den beiden nahe Petropavlovsk gelegenen Vulkanen Avachinsky und Koryaksky. Schon hier zeigte sich, was der Sommer in Kamtschatka für uns bereit hielt: traumhaftes Wetter bei An- und Abreise, dazwischen, unterwegs im Gelände: Regen, Wind und Kälte. Den Gipfel des 2.741 m hohen Avachinsky haben wir somit nur im dichten Nebel erlebt, den Gipfel des 3.456 Meter hohen Koryaksky gar nicht erklimmen können.

Auch auf der knapp 700 km langen Fahrt auf der einzigen, nur streckenweise asphaltierten Straße entlang des Kamtschatka Flusses in den Norden schien strahlend die Sonne. Unsere anschließenden Exkursionen am nördlichsten aktiven Vulkan, dem Shiveluch, fanden dann wieder bei bedecktem Himmel und Regen statt. Diese Wetterlage ließ die Landschaft, die ein pyroklastischer Strom 2005 völlig zerstört hatte, jedoch nur noch dramatischer erscheinen. [Gesteinsbrocken und Magma werden bei einem Abrutsch zu feiner vulkanischer Asche zerrissen und dabei mit heißen Gasen vermischt. Dieser bis zu 800 Grad heiße pyro-klastische Strom wird bis zu 700 km/h schnell und pulverisiert alles, was seine Bahn kreuzt.] Die stete Gefahr, spontan einem der dort lebenden Bären zu begegnen, verstärkte diesen Eindruck noch.
Hier zeigte sich aber auch das bereits erwähnte Vulkanglück. Neben wunderschönen Abendstimmungen mit freier Sicht auf die Nachbarvulkane Kliuchevskoy (mit 4.750 m die höchste Erhebung in Kamtschatka) und Zimina war vor allem der nächtliche Ausbruch des Shiveluch mit dem glühenden Lavadom ein sehr beeindruckendes Erlebnis. [Zähflüssige Lava fließt langsam aus dem Vulkanschlot und kühlt dabei schnell ab. Es bildet sich ein propfenförmiger Lavadom welcher den Schlot ver-schließt. Wenn dieser kollabiert bilden sich die o.g. pyroklastischen Ströme.] Aber dieser Vulkan hatte uns noch mehr zu bieten: Am folgenden Tag, kurz vor unserer Abreise, löste sich vor unseren Augen und bei bestem Wetter ein mittlerer pyroklastischer Strom, ein unglaubliches Schauspiel!

Mit Station in einer kleinen, aber sehr liebevoll eingerichteten Unterkunft in Kosyrevsk starteten wir dann zum Hauptziel unserer Expedition: Ein 9-tägiger Trek zum Vulkan Tolbachik, der erst Ende 2012 zum letzten Mal ausgebrochen war. Zur Schonung unseres Budgets verzichteten wir bei diesem Trip auf Träger und Koch und zogen nur zusammen mit unserem einheimischen Begleiter Artyom und unseren knapp 30 kg schweren Rucksäcken los.
Aus Gewichtsgründen bestand unser Speiseplan meistenteils aus einer kleinen Packung Fertignudeln pro Tag, etwas Brot, ein paar Dosen Tunfisch, einigen Keksen und vielen Energieriegeln. Gebraucht haben wir insbesondere letztere. Nicht nur das ohnehin unwegsame Gelände kostete einige Kraft, sondern auch die Angewohnheit von Artyom strikt den direkten Luftlinienweg von GPS Punkt zu GPS Punkt zu nehmen, unabhängig vom Verlauf der Topographie.
Leider wurden wir auch hier von schlechtem Wetter begleitet, wir befanden uns inmitten eines Zyklons. Dies führte dazu, dass die geplanten Besteigungen der Vulkane Bezymianny und Plosky Tolbachik zu unserem Leidwesen ausfallen mussten. Zwei komplette Tage lang blieb uns nichts anderes übrig, als mit unserer nur bedingt Winter tauglichen Ausrüstung in einfachen Hütten bei zeitweise „sommerlichen“ Temperaturen von einem Grad über Null und dichtem Schneefall auszuharren. Noch abenteuerlicher als erwartet gestaltete sich daher auch ein Teil der längsten Etappe. Ein Schneesturm mit hohen Windgeschwindigkeiten und teils hüfttiefem Schnee forderte alle Reserven.
Dennoch erwies sich Schnee an anderer Stelle auch als Glücksfall. In den zwei Wochen vor unserer Reise hatten nämlich zwei Wochen Sonne für ausgetrocknete Flüsse gesorgt, deren Wasser wir eigentlich für unsere Versorgung eingeplant hatten. Nachdem wir ihn von Vulkanasche gereinigt hatten, konnten wir ihn schmelzen. Unsere Gasvorräte haben das zum Glück tapfer mitgemacht.
Doch wir wurden für unser Durchhaltevermögen mit unglaublichen Vulkanerlebnissen belohnt. In den vier Tagen Zeltlager – mit ‚Fußbodenheizung’ – am Tolbachik konnten wir mehrfach in den aktiven Krater mit seinem sehr seltenen Lavasee blicken. Weltweit gibt es diese Möglichkeit an weniger als 10 Orten. Der Anblick dieses tosenden Spektakels war einer der absoluten Höhepunkte der Tour. Nicht ganz zu verdrängen war jedoch auch die gleichzeitige permanent lauernden Gefahr einer größeren Eruption. Tatsächlich landete eine Lavabombe nur fünf Meter von uns entfernt.
Auch die beiden entdeckten Skyholes und der Blick in einen Lavatunnel waren in jeder Hinsicht eine ‚heiße Angelegenheit’. [Entgasungsloch/Öffnung eines unterirdischen Lavaflusses.] Die unvergleichliche Stimmung an den Abenden, mit glühendem Himmel und leuchtenden Strombolianern war ganz großes Kino. [Lavafragmente werden bei regelmäßigen Eruptionen i.d.R. ungefähr 100m hoch ausgeschleudert, benannt nach dem Vulkan Stromboli auf Sizilien.]

Ich behalte diesen Ort, wie auch das gesamte Land, als einen extremen Flecken Erde mit magischer Anziehungskraft in Erinnerung.

Den ausführlichen Expeditionsbericht gibt es hier.

Eine weitere, sehr unterhaltsamere Version des Berichtes, befindet hier sich auf der Seite von Christoph Weber.

Info: Vulkanische Tätigkeiten in Kamtschatka im Sommer 2013 von Nord nach Süd:

Shiveluch: Domwachstum, Explosionen, Glutlawinen
Klyuchevskoi: Strombolianische Tätigkeit, Explosionen, Lavaströme
Bezymianny: Domwachstum, Glutlawine
Tolbachik: Spalteneruption, Lavasee, Lavaströme
Kizimen: Glutlawinen, Lavaströme
Karymski: Explosionen
Zhupanovski: Explosionen

Dazu auf den russischen Kurilen Inseln weiter nach Süden:

Chirinkotan: Asche
Rasshua: Domwachstum
Ketoi: Explosionen, Asche
Chirpoi: Gasausbrüche
Medvezhia: Domwachstum
Grozny: Strombolianische Tätigkeit, Explosionen

Über uns:

Christoph Weber ist Vulkanologe und arbeitet seit 15 Jahren als Reiseveranstalter und Autor. Seine Erfahrung an/auf rund 300 aktiven Vulkanen weltweit kommen Medien- und Wissenschafts-Expeditionen genauso zu Gute, wie seinen vulkaninteressierten Reisebegleitern/innen. Durch die Reiselogistik seiner Firma Vulkan Expedition International, sind einige TV-Sendungen entstanden.

Adrian Rohnfelder arbeitet freiberuflich als Projektmanager. Mit seiner fünfköpfigen Familie, als auch mit Reisefreunden, ist der ambitionierte Naturfotograf so oft wie möglich in den Bergen unterwegs. Seit 2008 hat sich eine große Leidenschaft für aktive Vulkane entwickelt, was sich in seinen Reiseberichten und Fotoreportagen wiederspiegelt.